Fazil Say 6. Mainzer Komponistenportrait

Gleichzeitig Komponist und Interpret zu sein, war in früheren Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit: Mozart und Beethoven waren es, von Bach weiß man, was für ein genialer Improvisator er auf der Orgel war, und Klavierlegenden wie Chopin oder Liszt komponierten viele Werke für sich selbst. In der heutigen Pianistengeneration scheint das nicht der Fall zu sein – mit einer großen Ausnahme: Fazil Say macht sowohl mit Interpretationen als auch mit Kompositionen weltweit von sich reden. Das Improvisieren gehört seit frühester Kindheit zu seiner täglichen Auseinandersetzung mit Musik. Ein großes Interesse am Jazz prägt sein Musikverständnis – als Komponist lässt er diese Elemente immer wieder einfl ießen. Mit seinem außergewöhnlichen pianistischen Vermögen berührt Fazil Say das Publikum in einer ganz besonderen Weise. Seine Konzerte sind andere Konzerte. Sie sind direkter, offener, aufregender, kurz gesagt: Sie treffen ins Herz. Als Pianist und Kammer-musiker gastiert er auf allen Kontinenten, häufig zusammen mit Patricia Kopatchinskaja, Maxim Vengerov, dem Minetti Quartet, Nicolas Altstaedt und Marianne Crebassa.

Komponieren ist stets auch eine Form des Improvisierens: mit Ideen, mit musikalischen Partikeln, mit imaginären Gestalten. In diesem Sinne kann man den Weg und die Weltsicht des türkischen Komponisten und Pianisten Fazil Say verstehen. Denn eben aus jenen freien Formen, die er im Verlauf seines Klavierunterrichts bei dem Cortot-Schüler Mithat Fenmen kennen lernte, entwickelte sich eine ästhetische Anschauung, die den Kern seines Selbstverständnisses als Komponist bildet. Fazil Say wurde 1970 in Ankara geboren, begann mit vier Jahren Klavier zu spielen und nahm im Alter von elf Jahren ein Klavierstudium am Konservatorium seiner Heimatstadt auf. Sein erstes Stück – eine Sonate für Klavier – schrieb Fazil Say bereits 1984. Es folgten im Verlauf dieser frühen Phase mehrere Kammermusikwerke ohne Opuszahl, darunter die Schwarzen Hymnen für Violine und Klavier und ein Gitarrenkonzert. Die Begegnung mit dem Komponisten Aribert Reimann und dem ame-rikanischen Pianisten David Levine – „Den musst Du Dir anhören, der Junge spielt wie ein Teufel“ – 1986 bei einem Workshop in Ankara eröff neten ihm neue Wege. Die beiden Ausnahmekünstler waren es, die dem jungen Nachwuchstalent weitere Studien in Deutschland vermittelten und den endgültigen Anstoß zum Beginn seiner Kompositionstätigkeit gaben. Ab 1987 studierte Fazil Say bei David Levine, zunächst an der Robert Schumann Hoch-schule in Düsseldorf, später in Berlin. Daneben besuchte er bei Menahem Pressler regelmäßig Meisterkurse. Als sein Opus 1 bezeichnete Fazil Say die Four Dances of Nasreddin Hodja, die er unter anderem bei seinem Sieg bei den Young Concert Artists International Auditions in New York spielte. Schon in diesem Werk zeigen sich im Wesentlichen die stilistisch signifikanten Merkmale seines Personalstils: eine rhapsodisch-phantastische Grundstruktur, ein variabler, häufig tänzerisch, dabei aber synkopisch geformter Rhythmus, ein kontinuierlicher, vital drängender Puls sowie eine Fülle an melodischen Einfällen, die nicht selten auf Themen aus der Volksmusik der Türkei und angrenzenden Ländern zurückgehen. Fazıl Say steht damit gewissermaßen in der Tradition von Komponisten wie Béla Bartók, George Enescu oder auch György Ligeti, die ebenfalls aus dem Reichtum der musikalischen Folklore ihrer Länder schöpften. Dieser erste Preis befl ügelte seine Karriere als Pianist weiter; seitdem spielt Fazil Say mit sämtlichen renommierten amerikanischen und europäischen Orchestern und zahlreichen großen Dirigenten zusammen und erarbeitete sich dabei ein vielfältiges Repertoire, das von Kompositionen von Johann Sebastian Bach über die Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven sowie die Romantik bis zur zeitgenössischen Musik reicht, eingeschlossen seine eigenen Kompositionen. Gastspiele führten ihn seither in zahllose Länder auf allen fünf Kontinenten; die französische Zeitung „Le Figaro“ nannte ihn „ein Genie“. Dabei trat er auch immer wieder als Kammermusiker in Erscheinung. Internationales Aufsehen erregte das 1997 entstandene Klavierstück Black Earth, in dem Fazil Say Techniken anwendet, wie wir sie von John Cage und seinen Werken für präpariertes Klavier kennen. Es folgten Kompositionen von größer besetzten Werken, darunter das 2. Klavierkonzert Silk Road (Uraufführung 1996 in Boston), das beim Mainzer Komponistenportrait im Werkstattkonzert zu erleben sein wird. Basierend auf Versen (und Lebensgeschichten) der Dichter Nâzım Hikmet und Metin Altıok komponierte er Werke für Solist*innen, Chor und Orchester, die, zumal was das Nâzım Oratorium (2001) angeht, durchaus in der Tradition eines Carl Orff stehen. Neben dem modernen europäischen Instrumentarium verwendet Fazil Say hierfür immer wieder auch bewusst Instrumente aus seiner Heimat, wie die Trommeln Kudüm und Darbuka oder die Längsfl öte Ney. Charakteristisch für Says musikalische Arbeit ist die Doppelrolle als international gefragter Komponist und Pianist. Sein großes Interesse an Jazz und Improvisation prägt sein Musikverständnis; als Komponist lässt er diese Elemente immer wieder in seine Werke einfließen. In diesem Geiste komponierte er hochvirtuose Werkadaptionen für Klavier wie die Jazz-Fantasie nach Mozarts Alla Turca (1993), den Paganini Jazz (1995) oder die 4 Pieces for DJ and Piano (2003).

2003 und nochmals 2005 war er Artist in Residence bei Radio France. 2005 lud ihn das Musikfest Bremen als Artist in Residence ein, 2007 das Konzerthaus Dortmund, in der Spielzeit 2018/2019 die Dresdner Philharmonie. Bereits im Jahr 2000 gründete Say ein Worldjazz-Quintett, mit dem er unter anderem bei den Jazzfestivals von Montreux und Istanbul auftrat. Abschluss und Höhepunkt seiner fünf Jahre als Exklusivkünstler am Konzerthaus Dortmund war 2010 die Urauff ührung seiner Istanbul Sinfonie (Auftragswerk für RUHR.2010), eine fulminante und poetisch klingende Hommage an die Millionenmetropole am Bosporus und ihre Menschen.Fazil Say komponierte Auftragswerke unter anderem für die Salzburger Festspiele, den WDR, das Schleswig-Holstein Musik Festival, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, das Wiener Konzerthaus, die Dresdner Philharmonie, die Fondation Louis Vuitton, das Orpheus Chamber Orchestra und die BBC. Sein Schaffen umfasst u. a. vier Sinfonien, zwei Oratorien, verschiedene Solokonzerte sowie zahlreiche Klavier- und Kammermusikwerke. Neben zahlreichen Preisen für seine Interpretationen als Pianist – ECHO Klassik, Silberner London Inter-national Award, Deutscher Schallplattenpreis, Gramophone Classical Music Award u. a. – wurde Fazil Say darüber hinaus mit dem Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion und 2017 mit dem Musikpreis der Stadt Duisburg ausgezeichnet. Fazil Says Kompositionen erscheinen weltweit beim Musikverlag Schott in Mainz.